Akute Gastroenteritis und Dehydratationsbeurteilung im Kindesalter
Definition
Die akute Gastroenteritis (AGE) ist eine entzündliche Erkrankung des Magen-Darm-Trakts, die durch plötzlich einsetzenden Durchfall (≥3 ungeformte Stühle pro 24 Stunden) mit oder ohne Erbrechen, Übelkeit, Bauchschmerzen und Fieber definiert wird und eine Dauer von weniger als 14 Tagen aufweist. Im Kindesalter stellt sie eine der häufigsten Erkrankungsursachen weltweit dar und ist führende Ursache für ambulante Arztbesuche und stationäre Aufnahmen in der Pädiatrie. Die klinische Relevanz ergibt sich primär aus dem Risiko der Dehydratation, die bei Säuglingen und Kleinkindern aufgrund des höheren Körperwasseranteils und der eingeschränkten Kompensationsmechanismen besonders rasch lebensbedrohlich werden kann. Die Dehydratationsbeurteilung ist daher integraler Bestandteil jeder klinischen Evaluation bei AGE im Kindesalter. Grundlage der Versorgung in Deutschland bildet die S3-Leitlinie »Akute infektiöse Gastroenteritis im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter« der Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE), zuletzt aktualisiert 2019.
Epidemiologie
In Deutschland erkranken Kinder unter 5 Jahren durchschnittlich 1–3 Mal pro Jahr an einer AGE. Rotavirus-Gastroenteritis verursacht jährlich etwa 20.000–30.000 stationäre Aufnahmen bei Kindern unter 5 Jahren in Deutschland (vor Einführung der Impfung). Norovirus ist die häufigste Ursache bei Kindern über 5 Jahren und Erwachsenen sowie für Ausbrüche in Gemeinschaftseinrichtungen verantwortlich. Der Altersgipfel für schwere, hospitalisierungspflichtige Verläufe liegt bei Säuglingen und Kindern unter 2 Jahren. Eine Geschlechtspräferenz besteht nicht. Die Mortalität ist in Deutschland sehr gering (<1 pro 100.000 Kinder unter 5 Jahren), in Entwicklungsländern bleibt die AGE jedoch eine der führenden Todesursachen im Kindesalter. Saisonale Häufungen zeigen sich für Rotavirus im Winter/Frühjahr und für Norovirus im Herbst/Winter.
Ätiologie
Viral bedingte Gastroenteritiden machen in Deutschland über 70 % aller Fälle im Kindesalter aus, wobei Rotavirus und Norovirus die wichtigsten Erreger sind. Rotavirus (Familie Reoviridae) ist bis zur Einführung der Impfung die häufigste Ursache schwerer, dehydrierender Gastroenteritiden bei Kindern unter 2 Jahren gewesen. Norovirus (Calicivirus) verursacht typischerweise selbstlimitierende Erkrankungen mit ausgeprägtem Erbrechen und ist hochkontagiös (Infektionsdosis <20 Viruspartikel). Bakterielle Erreger (Campylobacter jejuni, Salmonella spp., Yersinia enterocolitica, enteropathogene Escherichia coli) sind für etwa 10–20 % der Fälle verantwortlich und gehen häufiger mit blutigem Stuhl, hohem Fieber und systemischen Zeichen einher. Parasitäre Ursachen (Giardia lamblia, Cryptosporidium parvum) spielen besonders bei immunsupprimierten Kindern oder nach Auslandsaufenthalten eine Rolle. Nicht-infektiöse Ursachen wie Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Antibiotika-assoziierte Diarrhö oder Clostridium-difficile-Infektion müssen differentialdiagnostisch bedacht werden.
Prüfungsfokus
Die Kenntnisprüfung testet bei der AGE vor allem die klinische Dehydratationsbeurteilung, die Indikation zur oralen versus intravenösen Rehydratation und die Kenntnis der gefährlichen Komplikationen. Häufige Fallpräsentationen zeigen ein 18 Monate altes Kind mit 2-tägigem Durchfall und Erbrechen, bei dem der Prüfer die Dehydratationszeichen abfragt und die Therapieentscheidung verlangt. Ein weiterer Klassiker ist die Frage nach der Kontraindikation für Antibiotika bei EHEC-Verdacht. Die Unterscheidung zwischen oraler Rehydratationslösung und haushaltsüblichen Getränken sowie die Kenntnis der Rotavirus-Impfempfehlung sind prüfungsrelevant. Fallstricke sind die Unterschätzung der hypernaträmischen Dehydratation (klinische Zeichen weniger ausgeprägt) und die falsche Empfehlung von Nahrungskarenz oder Tee zur Rehydratation.
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