Frühgeburt und vorzeitige Wehen
Definition
Als Frühgeburt bezeichnet man die Geburt eines Kindes vor vollendeter 37+0 Schwangerschaftswoche (SSW), unabhängig vom Geburtsgewicht. Vorzeitige Wehen (Partus praematurus imminens) sind regelmäßige uterine Kontraktionen vor 37+0 SSW, die mit zervikalen Veränderungen (Verkürzung, Dilatation) einhergehen und ohne Intervention zur Frühgeburt führen können. Die Grenze der Lebensfähigkeit liegt in Deutschland bei 22+0 SSW bzw. einem Geburtsgewicht von 500 g; unterhalb dieser Grenze spricht man von einer Fehlgeburt. Die Einteilung erfolgt nach Gestationsalter in extrem früh (<28+0 SSW), sehr früh (28+0–31+6 SSW), moderat früh (32+0–33+6 SSW) und späte Frühgeburt (34+0–36+6 SSW). Die klinische Relevanz ergibt sich aus der hohen neonatalen Morbidität und Mortalität, die mit abnehmendem Gestationsalter exponentiell ansteigt.
Epidemiologie
Die Frühgeburtenrate beträgt in Deutschland etwa 8–9 % aller Geburten, was jährlich ca. 55.000–60.000 Frühgeborene entspricht. Weltweit liegt die Rate bei etwa 11 %. Späte Frühgeburten (34+0–36+6 SSW) machen etwa 70–75 % aller Frühgeburten aus, während extreme Frühgeburten (<28+0 SSW) nur 5 % ausmachen, aber den Großteil der perinatalen Mortalität verursachen. Mehrlingsschwangerschaften tragen überproportional zur Frühgeburtenrate bei: Zwillinge haben ein Frühgeburtsrisiko von ca. 50 %, Drillinge von über 90 %. Sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen sowie Frauen mit Migrationshintergrund zeigen in einigen Studien erhöhte Frühgeburtenraten. Die perinatale Mortalität bei Frühgeborenen unter 28 SSW liegt trotz moderner Intensivmedizin noch bei 10–20 %.
Ätiologie
Die Ätiologie der Frühgeburt ist multifaktoriell; in ca. 50 % der Fälle bleibt die Ursache unklar. Infektionen und Entzündungen (aufsteigende genitale Infektionen, Chorioamnionitis, systemische Infektionen) sind die häufigste identifizierbare Ursache, besonders bei sehr frühen Frühgeburten unter 28 SSW. Uteroplazentare Insuffizienz mit Plazentaischämie aktiviert über Stressachsen vorzeitige Wehentätigkeit. Zervixinsuffizienz (anatomisch oder funktionell) führt zu schmerzloser Zervixdilatation ohne Wehentätigkeit. Uterine Überdehnung durch Mehrlingsschwangerschaft, Polyhydramnion oder Uterusfehlbildungen erhöht das Frühgeburtsrisiko mechanisch. Weitere Risikofaktoren sind Frühgeburt in der Vorgeschichte (Rezidivrisiko 15–30 %), kurze Zervixlänge (<25 mm im Ultraschall), vorzeitiger Blasensprung (PPROM), Rauchen, Drogenkonsum, extremes Körpergewicht sowie iatrogene Frühgeburten bei mütterlichen oder fetalen Indikationen (z. B. Präeklampsie, IUGR).
Prüfungsfokus
Die Frühgeburt ist ein Kernthema der Kenntnisprüfung mit hoher Prüfungsrelevanz in allen Bereichen: Definition, Risikofaktoren, Diagnostik, Therapie und Prävention. Prüfer fragen häufig nach der korrekten Indikation und Dosierung der Lungenreifeinduktion, dem Einsatz von Tokolytika und Magnesiumsulfat sowie dem Management bei PPROM. Typische Fallpräsentationen zeigen eine Schwangere in der 30. SSW mit regelmäßigen Kontraktionen und verkürzter Zervix — hier wird das strukturierte Vorgehen (Diagnostik, Lungenreifeinduktion, Tokolyse, In-utero-Transfer) abgefragt. Häufige Fallstricke sind die Verwechslung von Tokolyse-Indikation (Überbrückung für Kortikosteroide, nicht Dauertherapie), die falsche Dosierung von Betamethason sowie das Vergessen der Magnesiumsulfat-Gabe zur Neuroprotektion. Die S3-Leitlinie »Prävention und Therapie der Frühgeburt« (AWMF 015-025, 2022) ist die Referenzleitlinie und sollte in Grundzügen bekannt sein.
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